SPD-Ortsverein Gammertingen

 

Der "Fernseh-Landarzt" ist Illusion

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Ärzteschwemme? Das war einmal. Stattdessen Ärztemangel, vor allem auf dem Land. Obwohl die Versorgung in Gammertingen zurzeit noch gut ist, ließ man im Rathaussaal den Blick doch in die Zukunft schweifen und informierte und diskutierte auf Einladung des SPD-Ortsvereins und der Gemeinderatsfraktion »SPD und Unabhängige Bürger« in hochkarätiger Besetzung über das Thema »Ärzteversorgung im ländlichen Raum«. Denn mit von der Partie war auch die baden- württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter.

Gammertingen hat vier Hausärzte, die entweder bereits im Rentenalter sind, oder darauf zu gehen. Welche Möglichkeiten gibt es, um die Hausarztversorgung auch in Zukunft zu sichern? Darum ging es in der Gesprächsrunde, an der neben Altpeter auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Johannes Fechner, der Geschäftsführer der AOK Neckar-Alb, Klaus Knoll, der Gammertinger Allgemeinmediziner Dr. Norbert Kurz und Bürgermeister Holger Jerg teilnahmen. Der SPD-Landtagsabgeordnete Hans- Martin Haller hat moderiert.

Stephan Binsch, Gammertinger Stadtrat und SPD-Kreisvorsitzender, führte die vielen Gäste und in das Thema ein. Das Durchschnittsalter der Hausärzte liege in Baden- Württemberg bei 55 Jahren, 500 Arztpraxen seien verwaist, junge Ärzte drängten in die Städte. Seine Frage: Was tun die Kommunen im ländlichen Raum? Die Stadt Burladingen versuche es mit dem Bau eines Ärztehauses, in Gammertingen seien medizinische Versorgungszentren aufgebaut worden.

»Die Arztsituation, wie wir sie wohl noch immer gerne hätten, ist eine Wunschvorstellung«, sagte Ministerin Katrin Altpeter. Die Realität habe sich verändert, »den Landarzt oder Bergdoktor aus dem Fernsehen gibt es nicht«. Grundsätzlich sei die Situation in Baden- Württemberg noch gut. In keiner Ärztegruppe gebe es eine Unterversorgung. Aber einzelne Praxen könnten nicht mehr besetzt werden, »in der Stadt, vor allem auf dem Land«.

Junge Ärzte seien heute auf eine gute Infrastruktur angewiesen, auch weil 70 Prozent der zukünftigen Ärzte Frauen seien. Wichtig sei inzwischen die Einbindung in ein Team, »die Einzelpraxis ist nicht mehr das Modell der Zukunft«. Um der neuen Situation gerecht zu werden, seien viele geforderte. Zum Beispiel die Politik. An der Universität Tübingen werde auf Januar 2016 ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet, um die jungen Mediziner nicht nur zu Spezialisten, sondern eben zu Allgemeinmedizinern auszubilden. Zudem sei ein Förderprogramm »Landärzte« aufgelegt worden. Das seien »einzelne Bausteine« – »unsere Möglichkeiten sind begrenzt«.

Knoll, der Vertreter der AOK, bemängelte, der Beruf des Allgemein- oder Hausarztes werde schlecht geredet, und als nicht mehr attraktiv dargestellt. Um den Hausarzt zu stärken, habe man 2008 den Hausarztvertrag eingeführt.

Der Vertreter der Kassenvereinigung Dr. Fechner stellte die Situation im Mittelbereich Sigmaringen dar, zu dem Gammertingen gehört. Hier liege die Ärzteversorgung statistisch bei 118 Prozent, auch Gammertingen sei nicht unterversorgt, deshalb sei die Stadt für Neuniederlassungen gesperrt. Fechner zeigte die Kriterien für die Wahl des Niederlassungsorts auf. Arbeitsmöglichkeiten für den Partner, Kinderbetreuung, Notfalldienst und die Frage, »muss ich wirtschaftliche Verantwortung übernehmen«. Von 20 000 Ärzten in Baden- Württemberg seien speziell aus diesem Grund inzwischen zehn Prozent angestellt.

Bürgermeister Holger Jerg erklärte die Ärzteversorgung zu einem »neuen Thema für die Kommunen«, die »Waffen« seien aber nicht sonderlich schlagkräftig. Wenigstens müsse man sich mit der Infrastruktur in Gammertingen »nicht verstecken«. Wie emotional das Thema sein kann, das zeigte der Beitrag des Gammertinger Hausarztes Kurz. Das größte Anliegen der neuen Medizinergeneration sei die sogenannte »Work-Life-Balance«. Sie wolle nicht mehr nur für den Beruf leben. Hinzu komme das wirtschaftliche Risiko, das die jungen Kollegen nicht mehr tragen wollten und die mangelnde Vorbereitung auf den Beruf. Es gebe zu viele Spezialisierungen, »die allgemeinmedizinischen Aspekte werden an der Uni so gut wie gar nicht mehr gelehrt. Und die Krankenhäuser bilden lieber Fachärzte aus«. Kurz schilderte auch dem Bürokratieaufwand in seinem Metier. »Es ist abenteuerlich.«

In einer Fragerunde hatten auch die Zuhörer Gelegenheit, zu sagen und zu fragen, was ihnen auf den Nägeln brennt. Und in der »Schlussrunde« wurde noch einmal deutlich, dass »alle, die an Schnittstellen sitzen, zusammenarbeiten müssen«. »Die Stellschraube ist der Bundesgesetzgeber«, so Ministerin Altpeter. Gleichzeitig mache man aber den Mangel »nicht dadurch gut, dass man ein neues Gesetz« schreibe. Auf jeden Fall müsse »man sich von festgefahren Bildern lösen«.

Dies ist ein Artikel, der am 26.01.2015 im Reutlinger General- Anzeiger erschien. Autorin: Hilde Butscher

 

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