SPD-Ortsverein Gammertingen

 

Unterschiedliche Verträge und Abrechnungsmodalitäten nerven die Ärzte

Veröffentlicht in Gemeinderatsfraktion

Um die Ärzteversorgung im ländlichen Raum ist es schlecht bestellt. Vertreter aus Politik, Kommune, Ärzteschaft und Kassen stellten sich bei einer Informationsveranstaltung im Gammertinger Rathaus dem aktuellen Thema, von dem auch Gammertingen betroffen ist. Die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter eröffnete den Reigen der Statements und stellte sich mit den anderen einer Diskussion, wie die Ärzteversorgung der Zukunft aussehen könnte.

Es wurde schnell klar: Es besteht Gesprächs- und Handlungsbedarf, um für die Zukunft einen Ärztemangel abzuwenden. Stephan Binsch, Fraktionsvorsitzender von SPD und „Unabhängigen Bürgern“, begrüßte die zahlreichen Zuhörer zu der Informationsveranstaltung mit dem Thema „Ärzteversorgung im ländlichen Raum“ und stellte das Problem an den Anfang: „500 Arztpraxen in Baden- Württemberg stehen vor dem Aus.“ Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt bei 55 Jahren. Auch in Gammertingen finden Allgemeinmediziner keine Nachfolger für ihre Praxen. Für den ländlichen Raum ist die vorhandene ärztliche Versorgung vor Ort ein wesentlicher Standortfaktor. Kommunen haben also Interesse an einer guten ärztlichen Versorgung. Auch die Bundespolitik sieht es als Aufgabe, mehr Ärzte aufs Land zu bringen.

Hans- Martin Haller, Landtagsabgeordneter (SPD) für den Wahlkreis Balingen moderierte die 90 Minuten: „Es ist ein Thema, das uns auf den Nägeln brennt“: „Wir haben das Bild eines Hausarztes um die Ecke im Kopf, in der Realität kommen aber keine jungen Ärzte mehr aufs Land.“ Grundsätzlich, so Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) sei die ärztliche Versorgung noch recht gut. Allerdings könnten einzelne Praxen nicht adäquat nachbesetzt werden: „Die Suche ist schwierig geworden, die Einstellung der Jungärzte hat sich geändert.“ Die Einzelpraxis sei als Modell der ärztlichen Tätigkeit für die Zukunft nicht mehr tauglich. Ein Landärzte-Förderprogramm wurde auf den Weg gebracht, zudem wird in Tübingen ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet. Darüber hinaus gibt es als Anreiz für Landarztpraxen finanzielle Unterstützung.

Für die Krankenkassen sprach Klaus Knoll, Geschäftsführer der AOK Neckar- Alb: „Wir denken, dass es dem Beruf ‚Hausarzt‘ an Attraktivität mangelt. 70 Prozent lassen sich zum Facharzt und nicht zum Allgemeinarzt ausbilden, außerdem wird in der öffentlichen Diskussion dieser Beruf schlecht gemacht.“ Mit dem Hausarztvertrag bestehe eine höhere Vergütung, die Abrechnungsmodalitäten wären unbürokratischer und eine Arzthelferin könne durch Weiterbildung zu Fachangestellten Routinetätigkeiten auch bei Hausbesuchen durchführen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden- Württemberg, Johannes Fechner, wies daraufhin, dass Gammertingen für eine weitere Arztpraxis gesperrt ist: „Das Gebiet ist mit 118 Prozent ausgelastet.“ Das benachbarte Burladingen sei hingegen noch ein offenes Gebiet. Trotzdem sei es so, dass die „Jungen eine Universitätsstadt bevorzugen würden, außerdem studieren heute 70 Prozent Frauen, die sich dort niederlassen, wo der Partner eine Arbeit findet“. Aber auch in Stuttgart würde heute nicht mehr jede mögliche Praxis übernommen.

Bürgermeister Holger Jerg plädierte dafür, dass gemeinsam eine Lösung durch besondere Angebote gefunden wird. Da Gammertingen am nördlichen Rand der Landkreisgrenze liegt, nütze es vor Ort überhaupt nichts, wenn im Süden die Auslastung gut ist.

Für die Ärzte gab Norbert Kurz, Arzt für Allgemeinmedizin mit Praxis in Gammertingen, einen Einblick: „Zum einen macht uns der Wunsch der Jungärzte nach der Work-Life-Balance zu schaffen, andererseits ist das wirtschaftliche Risiko tatsächlich gegeben.“ Die Ärzte würden in der Ausbildung nicht darauf vorbereitet, einen Kleinbetrieb zu führen. Die Abrechnungsmodalitäten seien viel zu kompliziert. Kurz wünscht sich eine Vergütung, die planbar ist: „Die vielen unterschiedlichen Verträge und Abrechnungsmodalitäten nerven, es ist abenteuerlich, wirklich.“

Bei der anschließenden Diskussion bestätigten weitere betroffene Ärzte die Einschätzung ihres Kollegen. Einig war man sich, dass zum einen etwas an der Einstellung zum Beruf geändert werden müsse, zum anderen müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden. Möglich, so Fechner, seien auch Hausärzte mit Anstellungsverträgen. Aber hier sehen die Ärzte in Gammertingen keine Lösung. Sozialministerin Altpeter verwies darauf, dass die Work-Life-Balance auch andere Berufsgruppen treffe. Mit nach Stuttgart wolle sie nehmen, dass man zu wenig auf die Tätigkeit als niedergelassener Arzt vorbereitet ist: „Der Mangel an Ärzten auf dem Land erfordert jedoch einen ganzen Strauß von Maßnahmen.“ Sie forderte dazu auf, das „Instrument der kommunalen Gesundheitskonferenz zu nutzen“: „Und wenn wir so diskutieren wie hier, kommen wir auch weiter.“

Dies ist ein Artikel, der am 26.01.2015 in der Schwäbischen Zeitung erschien. Autorin: Gabriele Loges

 

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